Neuer-Rekord? “Hätte Klinsmann es nicht vermasselt, wäre Kahn schon an mir vorbeigezogen”

Zum Länderspiel-Abschluss des Jahres ein Rekord: Manuel Neuer (34) steht am Mittwoch gegen Spanien (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) zum 96. Mal zwischen den DFB-Pfosten und überholt damit Legende Sepp Maier (76) als meisteingesetzten Torwart in der Historie der deutschen Nationalmannschaft. Bei SPOX und Goal gratuliert der bisherige Rekordhalter dem neuen.

Im Interview spricht Maier auch über den Umbruch beim DFB, den in der Kritik stehenden Bundestrainer Joachim Löw und Fußball in Zeiten von Corona. Zudem erklärt der Europameister von 1972 und Weltmeister von 1974, warum er den FC Bayern für die beste Mannschaft der vergangenen zehn Jahre hält.

Herr Maier, Manuel Neuer übertrumpft Sie als deutscher Torhüter mit den meisten Einsätzen. Schwingt bei Ihnen auch ein wenig Wehmut mit, Ihren Langzeit-Rekord zu verlieren?

Sepp Maier: Nein, nach 41 Jahren wurde es ja auch endlich mal Zeit, dass mich einer einholt. (lacht) Ich habe Manuel Neuer schon nach dem Spiel gegen die Ukraine kontaktiert, um ihn zu beglückwünschen. Ich kann nur meinen Hut vor ihm ziehen, er hat sich diesen Rekord absolut verdient, weil er seit vielen Jahren die unangefochtene Nummer eins bei der Nationalmannschaft und der weltbeste Torhüter ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre aber auch schon Oliver Kahn an mir vorbeigezogen, hätte Jürgen Klinsmann es ihm damals nicht vermasselt.

Sie sprechen die WM 2006 an, bei der Jens Lehmann den Vorzug vor Kahn erhielt.

Maier: Für Oliver tut es mir bis heute leid, die WM im eigenen Land von der Ersatzbank aus verfolgt zu haben. Er war zum damaligen Zeitpunkt schon 13 Jahre mein Schützling gewesen. Ich habe mich dementsprechend auch bei Jürgen Klinsmann und Torwarttrainer Andi Köpke für ihn eingesetzt – leider ohne Erfolg.

Von 1994 bis 2008 waren Sie Torwarttrainer beim FC Bayern. Wären Sie noch drei Jahre geblieben, hätten Sie auch Neuer unter Ihre Fittiche nehmen können.

Maier: Ich hätte mich sehr darüber gefreut, Manuel auf seinem Weg zu begleiten. Aber er hatte in seiner Karriere ja einige andere gute Torwarttrainer, sonst wäre er nicht zu dem Torwart geworden, der er heute ist. Außerdem war ich von meinem 15. bis zu meinem 65. Lebensjahr beim FC Bayern. Es hat dann irgendwann auch mal gereicht. (lacht)

Sepp Maier: DFB-Team braucht Hummels, Boateng und Müller

Was halten Sie vom FC Bayern 2020, der Mannschaft der Stunde im europäischen Spitzenfußball?

Maier: Das ist für mich nicht die Mannschaft der Stunde, das ist für mich die Mannschaft der vergangenen zehn Jahre. Da können auch Vereine wie Real Madrid mit mehr Europapokal-Titeln nicht mithalten. Vergleichen Sie doch mal die nationalen Meisterschaften, die der FC Bayern gegenüber anderen europäischen Spitzenmannschaften in den vergangenen zehn Jahren gewonnen hat. Das ist einzigartig. Und ich würde jetzt auch nicht sagen, dass sich die Bundesliga vor anderen europäischen Ligen verstecken muss. Die deutsche Liga war und ist eine sehr gute.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft? Liegt Joachim Löw mit seinem Umbruch richtig?

Maier: Es gibt viele junge und interessante Spieler. Man braucht meiner Meinung nach aber die richtige Mischung aus Jung und Alt. Für mich führt kein Weg an Spielern wie Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller vorbei, die gehören einfach in die Mannschaft und deshalb verstehe ich auch die Diskussionen um ihre Nicht-Berücksichtigungen. Wer Titel gewinnen möchte, braucht erfahrene Spieler, richtige Anführer – gerade in der Defensive. Als wir 1974 Weltmeister wurden, waren wir im Schnitt auch um die 28 Jahre alt. Mir fehlen in der aktuellen Mannschaft ein paar ältere Hasen, die die Richtung vorgeben.

Kapitän Neuer forderte im Vorfeld der Partie gegen Spanien, dass die Mannschaft untereinander noch mehr kommunizieren müsse. Wie laut war es damals eigentlich bei Ihnen und Ihren Kollegen auf dem Platz?

Maier: Sehr laut. Man bekommt durch die Geisterspiele ja mit, wie die Spieler heute untereinander kommunizieren. Ich glaube schon, dass da noch mehr geht. Es ist leistungsfördernd, wenn man sich ab und zu auch mal böse Sachen sagen kann und die Fetzen fliegen. Nach dem Spiel ist sowieso alles wieder vergessen – war es zumindest immer bei uns.

Sepp Maier: Fußball ohne Fans “wie Weißwurscht ohne Brezn”

Wie stehen Sie zu der generellen Kritik an Länderspielen?

Maier: Es sind einfach zu viele Spiele. Zusätzlich ins Leben gerufene Wettbewerbe wie die Nations League verwässern den Fußball und nehmen dem Zuschauer die Begeisterung. Auch den Spielern tut man damit keinen Gefallen, die Belastung für sie ist viel zu hoch. Ich finde all das, was während der Corona-Krise im Fußball passiert, sowieso nicht richtig. Die Atmosphäre um das Spiel herum fehlt total. Fußball ohne Fans, das ist wie Weißwurscht ohne Brezn! Hoffentlich endet diese Krise bald und wir können wieder den Fußball sehen, den wir alle kennen und lieben.

Nächstes Jahr steht die EM an. Was glauben Sie, wird es das letzte Turnier von Bundestrainer Löw?

Maier: Das muss er für sich entscheiden. Er steht derzeit ein bisschen in der Kritik, aber das wird sich auch wieder ändern, wenn die Mannschaft im nächsten Jahr ein paar tolle Spiele macht. Und ich bin mir sicher, dass sie das macht, sobald der Bundestrainer mit seiner Rumprobiererei aufhört und die bestmögliche Elf auf den Platz stellt. Klar ist: So etwas wie Russland 2018 brauchen wir alle nicht mehr.

Deutschland: Die Torhüter mit den meisten Einsätzen

Torwart Länderspiele Zeitraum
Sepp Maier 95 1966 – 1979
Manuel Neuer 95 seit 2009
Jürgen Croy* 94 1976 – 1981
Oliver Kahn 86 1995 – 2006
Toni Schumacher 76 1979 – 1986
Jens Lehmann 61 1998 – 2008

*Spiele für die Auswahl der DDR

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