Die Königsblauen zerlegen sich selbst

Tasmanisch schlecht: Schalke 04 steuert nach dem 24. Spiel in Folge ohne Sieg weiter auf Rekordkurs – und zerlegt sich auch außerhalb des Spielfelds.

Mark Uth wollte nur noch “in die Kabine gehen und weinen”, Manuel Baum musste einen kapitalen taktischen Fehlgriff zugeben, und auf der leeren Tribüne hockte Jochen Schneider fassungslos nach dem nächsten Katastrophenauftritt von “Tasmania” Schalke. Die beispiellose Talfahrt des Traditionsvereins setzt sich immer rasanter fort – und niemand findet die Bremse.

“Wenn man die Spiele sieht, fragt man sich natürlich: Was trainieren die eigentlich unter der Woche?”, sagte Teammanager Sascha Riether nach dem 0:2 (0:2) gegen den VfL Wolfsburg und dem 24. Bundesligaspiel in Folge ohne Sieg – und sprach damit wohl vielen Fans aus der Seele.

Der neue Trainer Baum, der den Absturz eigentlich stoppen sollte, trug wesentlich dazu bei, dass sich Schalke 04 immer mehr dem 55 Jahre alten Negativrekord von Tasmania Berlin mit 31 Partien ohne Erfolg nähert.

“Sowohl mit Ball als auch gegen den Ball haben wir überhaupt nichts auf die Platte gekriegt”, gab der Coach mit Blick auf die erste halbe Stunde zu, in der Wolfsburg den einstigen Champions-League-Stammgast regelrecht vorgeführt hatte und mehr Tore als die von Wout Weghorst (3.) und Xaver Schlager (24.) hätte erzielen müssen.

Baum mit folgenschwerer Fehleinschätzung

Die tasmanisch schlechte Schalker Leistung lag nicht zuletzt an einer folgenschweren Fehleinschätzung Baums: Trotz der Knieverletzung seines Abwehrchefs Salif Sane setzte er auf eine Fünferkette und stellte den völlig überforderten Benjamin Stambouli in deren Zentrale. Als Innenverteidiger hat der Franzose in 270 Minuten in dieser Saison schon 16 (!) Gegentore aus der Nähe erlebt – im Schnitt alle 17 Minuten eins.

“Als wir auf Viererkette umgestellt haben, wurde es etwas besser”, gab Baum zu und räumte seinen kapitalen Fehler ein. “Wir sind nicht einen, sondern fünf Schritte zu spät. Ich frage mich, wie wir so ein Spiel gewinnen wollen”, klagte Angreifer Uth: “Ich bin so bedient und sauer, am liebsten würde ich in die Kabine gehen und weinen.”

Zum Heulen zumute dürfte mittlerweile auch Sportvorstand Schneider sein. Nachdem sein Wunschtrainer David Wagner die Horrorserie im Januar begonnen hatte und dank Schneider auch in der neuen Saison fortsetzen durfte, hat sein zweiter Coach bislang drei Punkte aus sechs Spielen geholt – von einer Trendwende keine Spur. Spielt Schalke so weiter, ist der Tasmania-Rekord am 9. Januar erreicht – und der vierte Abstieg in der Vereinsgeschichte wohl unausweichlich.

Schalke-Fans gehen auf die Barrikaden

Auch abseits des Spielfelds zerlegt sich Schalke selbst. Zusammen mit Marketing-Vorstand Alexander Jobst baut Schneider den Klub um und bereitet eine Ausgliederung der Profiabteilung vor. Laut Bild-Zeitung fielen drei langgediente Abteilungsleiter, die entweder einen Aufhebungsvertrag unterschrieben oder neue Aufgaben erhielten, den Maßnahmen zum Opfer.

“Dass durch inhaltliche Verschiebungen auch Gespräche mit Mitarbeitern geführt werden, ist ein ganz normaler Vorgang wie in jedem Unternehmen der Welt”, sagte Jobst am Samstag.

Die Fans, die sich schon über die Kündigung der Minijob-Busfahrer in der Jugendabteilung und den “Härtefallantrag” bei der Ticketrückerstattung aufgeregt hatten, gehen gegen die Umstrukturierung auf die Barrikaden.

“Unser Verein steht für die Menschen, die ihn leben, und nicht für menschenfremde Unternehmenskultur”, hieß es auf einem Transparent beim Spiel der U23 im Parkstadion – kurz vor der nächsten Bundesligapleite in der hermetisch abgeschotteten Arena nebenan.

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